• Der schöne Schein

Der schöne Schein

28.11.2019 ANDREA ESCHBACH, Journalistin

Einrichtung – Die Leuchtentrends von der Euroluce-Messe 2019 bringen Wohnräume in diesem Winter zum Strahlen.

Die Glassäulen scheinen zwischen Ringen aus Licht zu schweben: Mit «Noctambule» hat der deutsche Design-Star Konstantin Grcic ein wahres Wunderwerk aus transparentem Glas geschaffen. Die Installation mehrerer «Noctambule»-Leuchten im Flos- Showroom in der Mailänder Innenstadt war denn auch eines der Highlights des diesjährigen Salone del mobile und der begleitenden Messe für  Leuchtentrends «Euroluce». Noctambule meint Nachteule oder Nachtschwärmer, eine stimmige Bedeutung für den Entwurf. In ausgeschaltetem Zustand scheint sich die Leuchte bei Tageslicht zurückzunehmen, erst im erleuchteten Zustand zeigt sie ihre wahre Schönheit. Da sie aus verschiedenen, zylinder- und kuppelförmigen, mundgeblasenen Glasmodulen besteht, nimmt sie immer wieder neue Formen an: Mal kommt sie als Hängeleuchte zur Geltung, mal wird sie zur dekorativen Skulptur in Form einer Stehleuchte.

 

LED gekonnt integriert

Erst die LED-Technologie gab Grcic die Möglichkeiten für diesen Wurf, verstecken sich doch die LED-Leuchtkörper in der Basis und in den Verbindungsstücken. «Noch vor 15 Jahren baute man die Leuchte um die Glühbirne», sagt Grcic. «Nun designen wir die Lichtquelle selbst, die so klein wie ein Brotkrümel oder wie ein Ring sein kann.»

Die LED-Technologie eröffnet viele Freiheiten für Designer. Ólafur Elíasson liess sich in der Leuchte «OE Quasi Light» für Louis Poulsen von mathematischen Figuren inspirieren. Der renommierte nordische Lichtkünstler, der unter anderem Wasserfälle nach New York brachte, schachtelte dafür zwei kontrastierende geometrische Figuren ineinander. Der starre Aluminiumrahmen der Aussenschicht hat die Form eines Ikosaeders mit 20 Flächen, während die innere Schicht in Form eines zwölfflächigen Dodekaeders im Innern zu schweben scheint. Dafür wurden an den Scheitelpunkten des Aluminiumrahmens helle LED-Leuchten eingebettet: «Von anderen Leuchten unterscheidet sie sich vor allem durch die nach innen gerichtete Leuchtrichtung – sie leuchtet zum Kern hin», erklärt Ólafur Elíasson. Ein glühender Orbit.

Inspiration aus dem Weltall – Leuchtentrends

Auffällig viele Designer finden derzeit Inspiration im All. Die Sonne ist Vorbild für eine der neuen Leuchten des italienischen Licht-Spezialisten Foscarini. Tord Boontje entwarf mit «Sun – Light of Love» eine Leuchte, die sehr skulptural ist. «Ich wollte die Sonne nach innen, in das Haus und seine Räume bringen. ‹Sun – Light of Love› ist ein Objekt, bei dem es nicht leicht ist zu definieren, wo es beginnt und wo es endet – genau wie beim Sonnenlicht. Es gibt keine klare Trennung zwischen Innen und Aussen: eine geometrische Präsenz, aber sehr flüssig und organisch zugleich», sagt der niederländische Designer. 390 Strahlen, jeder einzelne individuell ausgerichtet, sind so angeordnet, dass sie das Licht von einem zentralen Kern abschirmen und reflektieren. Neben dem diffusen Umgebungslichteffekt schafft die Leuchte eine intensive Akzentbeleuchtung der darunter liegenden Fläche.

Fiktives Gestein als Pate

Kryptonit, das Gestein, das Superman die übermenschlichen Kräfte raubt, inspirierte den Designer Arik Levy. Für den tschechischen Hersteller Lasvit entwarf er die Hängeleuchte «Crystal Rock Raw». Das fiktive Material verwandelt er in mundgeblasene Hängeleuchten, die wie von innen strahlen. Levys Entwurf schaffte es bereits unter die Top- 15-Leuchten des Jahres der italienischen Designbibel «Domus». 

Andere Sphären nutzte auch die junge ungarische Designerin Zsuzsanna Horvath: Sie schuf für Luceplan eine poetische Hängeleuchte: «Illan» ist aus unzähligen Holzreifen gefertigt, die sich bei jedem Luftzug sanft bewegen. Die leichte, ätherisch wirkende Leuchte verbindet LED-Technologie mit lasergeschnittenem Schichtholz. Ein höchst dekorativer Entwurf.

Sebastian Herkner setzt auf Früchte: Er erweitert seine «Stellar Grape»- Serie für Pulpo – eine leuchtende überdimensionale Kugel – um eine hängende Variante. Die Idee aus der ersten Wandleuchte «Stellar wall one» eine ganze Traube zu machen, lag nahe, erklärt Herkner. «Wir wollten nicht nur einen Stab mit einer Kugel dran haben. Daher haben wir überlegt, wie wir das anders interpretieren können. Stellar Grape ist meine Interpretation eines Kronleuchters, ein Arrangement an Kugeln.»

Durchdacht und minimalistisch

Zusammenklappbar wie ein Regenschirm ist die Halterung der Leuchte «Vitruvio» von Atelier Oï für Artemide. Drei Metallstäbe werden in eine runde mundgeblasene Glaskugel eingeführt. «Ein Mechanismus, der aus der Uhrmacherkunst stammt», sagt Aurel Aebi von Atelier Oï. Der Entwurf ist erhältlich als Steh- und Hängeleuchte.

Der spanische Designer Jaime Hayon entwarf die flexible Leuchte «Setago» für den dänischen Hersteller &tradition. «Seta» bedeutet auf Spanisch Pilz und gibt den Ton für die pilzähnlichen Proportionen dieser gerissenen Tischleuchte an. «go» verweist darauf, dass diese Leuchte überall hingehen kann – ohne fix befestigtes Kabel. Um sie wieder aufzuladen, schliesst man sie einfach an ein USBKabel an. «Ich wollte eine Leuchte kreieren, die den Fokus auf Vielseitigkeit setzt», sagt Hayon. «Das kabellose Feature bedeutet, dass sie extrem anpassungsfähig ist, passend sowohl für drinnen als auch draussen.»

Wer es bei Lampen minimalistisch mag, kann sich über die aktuellen Leuchtentrends freuen: Der italienische Hersteller Palucco hat die Leuchte «Tube» in überarbeiteter Version herausgebracht. Die Leuchte des Luzerner Gestalters Christian Deuber wurde erstmals am «Salone del Mobile» in Mailand 1997 vorgestellt – in ihrem radikalen Minimalismus ein wahres Kind der 1990-er Jahre. «Für die neue Serie habe ich den Entwurf geschärft und mit LED-Technik an die heutige Zeit angepasst», sagt Christian Deuber. 

Bilder Leuchtentrends: ZVG